Ausstellung „Westsahara – Dekoloniale Perspektive

Themenfeld: Lebensbedingungen und Perspektiven in den saharauischen Flüchtlingslagern

In den saharauischen Flüchtlingslagern bei Tindouf leben seit fünf Jahrzehnten mehr als 170.000 Saharauis. Die Saharauis flohen 1975/76 vor Bombardierungen und der Invasion marokkanischer Truppen.

Was als vorübergehende Notlösung begann, ist heute eine etablierte „Exil Staat“, die auf dem Boden der Hammada errichtet wurde. Die Camps Smara, Dakhla, Ausserd, Boujdour und Laayoun sind nach Städten in den besetzten Gebieten der Westsahara benannt. Sie bestehen zum Großteil aus Lehm- und Betonhäusern, Zelten und sozialen Einrichtungen.

Leben in den saharauischen Flüchtlingslagern

In den Flüchtlingslagern wachsen ganze Generationen von Saharauis auf, die ihre Heimat Westsahara nie mit eigenen Augen gesehen haben. Doch die Erinnerung an das Land lebt fort – in Liedern, Erzählungen, Gedichten und in Unterrichtsräumen, in denen Geschichte und Identität von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Die Lebensbedingungen in den Flüchtlingslagern sind äußerst hart: Temperaturen bis zu 50 °C, häufige Sandstürme, Wassermangel und kaum vorhandene wirtschaftliche Perspektiven prägen den Alltag. Das Überleben der Bevölkerung hängt weitgehend von internationaler humanitärer Hilfe ab, die unter anderem vom Welternährungsprogramm (WFP), dem UNHCR sowie algerischen und europäischen Hilfsorganisationen geleistet wird. Diese Unterstützung ist jedoch oft unregelmäßig und reicht selten aus, um medizinische Versorgung, Ernährung und Infrastruktur dauerhaft sicherzustellen. Das führt zu erheblichen Herausforderungen.

Trotz dieser schwierigen Umstände ist es den Saharauis in den Camps gelungen, eine bemerkenswerte Selbstverwaltung aufzubauen. Die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) organisiert eigenständig Bereiche wie Bildung, Gesundheitswesen und soziale Dienste und schafft damit ein Fundament für gesellschaftlichen Zusammenhalt und politische Selbstbestimmung.

Es gibt eine Vielzahl an politischen und sozialen Einrichtungen, die das gesellschaftliche Leben in den Camps prägen, darunter Schulen, Krankenhäuser, Frauenkooperativen, Bibliotheken, Radioprogramme und Kulturzentren. Besonders Bildungseinrichtungen nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. Die saharauische Gesellschaft misst Bildung einen hohen Stellenwert bei, weshalb alle Bildungswege gefördert und zugänglich gemacht werden. Die Alphabetisierungsrate ist im Vergleich zu anderen Flüchtlingslagern außergewöhnlich hoch – ein eindrucksvoller Beweis für das kollektive Engagement, Wissen, Bildung und Bewusstsein als Grundlage des Widerstands und der Selbstbestimmung zu verstehen.

Frauen sind das Rückgrat der saharauischen Gesellschaft. Sie administrieren die Camps, organisieren Hilfsgüter, leiten Schulen, Kultur- und Bildungseinrichtungen und halten die saharauische Gesellschaft im Exil zusammen.

Ihre Führungsposition ist kein seltenes Phänomen, sondern spiegelt eine tief verankerte gesellschaftliche Ordnung wider, in der Frauen von jeher Autorität, Verantwortung und politisches Gewicht genießen. Angesichts von Flucht, Besatzung und Unsicherheit verkörpern sie Kontinuität, Widerstand und die Entschlossenheit, das Überleben ihres Volkes aktiv zu gestalten.

Trotz selbstorganisierter Strukturen bleiben die Lebensperspektiven begrenzt.

Zwischen Hoffnung und Stillstand, zwischen dem Traum von Rückkehr und der Realität einer Generation, wachsen die jungen Menschen im Exil in Ungewissheit auf.

Nana Maruuf im Interview – auf Deutsch

Nana Maaruf ist eine junge saharauische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin. Sie wurde in den saharauischen Flüchtlingslagern geboren. Sie arbeitet beim saharauischen Fernsehsender RASD TV, wo sie Nachrichten moderiert, Reportagen erstellt und über Menschenrechtsverletzungen berichtet. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit ist sie in mehreren Organisationen aktiv, darunter im Ministerium für Jugend und Sport, bei Médecins du Monde und INFRAVEST.

Durch ihr Engagement in diesen Bereichen verbindet sie Medienarbeit, soziale Verantwortung und gesellschaftliches Bewusstsein. So trägt sie dazu bei, die Stimmen der Saharauis über Grenzen hinweg hörbar zu machen.

Tatsächlich hat jede Generation ihre eigenen Wege, um an Informationen zu gelangen. Unsere Eltern und Großeltern vertrauten auf Radio, Fernsehen und andere staatliche Medien, die für sie glaubwürdige und verbindliche Informationsquellen waren.

In unserer Generation dienen soziale Medien seit Jahren als vielfältige und dynamische Informationsquelle. Informationen stammen nicht mehr ausschließlich aus einer einzigen oder offiziellen Quelle, sondern verbreiten sich über zahlreiche Plattformen und Kanäle. Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen: Einerseits ermöglicht sie einen breiteren Zugang zu Wissen und Perspektiven, andererseits birgt sie jedoch auch Risiken durch Desinformation und fehlende Überprüfbarkeit.

Die dadurch entstehende Lücke nutzt die Besatzungsmacht gezielt aus, um eine Form der sogenannten „psychologischen Kriegsführung“ zu betreiben. Durch die Verbreitung falscher Informationen, unbegründeter Meldungen und erfundener Siege versucht sie, Verwirrung zu stiften, die öffentliche Wahrnehmung zu manipulieren und den Widerstandswillen der Saharauis zu schwächen.

Andererseits können der Mangel an verlässlichen Informationen oder das unzureichende Wissen mancher Menschen zu einer psychischen Belastung führen und Verunsicherung auslösen, insbesondere durch das, was sie über diese Medien konsumieren. Zugleich haben uns dieselben Medien neue Möglichkeiten eröffnet: Sie erlauben es uns, unsere Situation sichtbarer zu machen, Informationen schneller zu verbreiten, voneinander zu lernen und mehr Raum für freie Meinungsäußerung und gesellschaftlichen Austausch zu schaffen.

Diese Medien bringen viele positive Aspekte mit sich. Sie befähigen sowohl Medienschaffende als auch die breite Öffentlichkeit, marokkanische Propaganda zu hinterfragen, verzerrte Narrative und Falschinformationen zu widerlegen sowie Inhalte zu veröffentlichen, die diesen Behauptungen entgegentreten und die Wahrheit sichtbar machen. Dies ist jedoch auch mit einer großen Verantwortung verbunden, die Bewusstsein, Sorgfalt und journalistische Integrität erfordert.

Wenn wir über Technologien wie Radio und Telefon sprechen, die das tägliche Leben in den Camps maßgeblich geprägt und verändert haben, lässt sich nicht eindeutig sagen, dass unsere Generation mehr davon profitiert hat als frühere Generationen. Jede Generation hat auf ihre eigene Weise Nutzen daraus gezogen – im Rahmen ihrer Zeit, ihrer Lebensumstände und der technischen Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung standen.

Es ist bekannt, dass das Radio die Revolution von Anfang an begleitet hat, Nachrichten gesendet hat und die Menschen beruhigt und bis heute mit jeder Phase des Konfliktes mitgehalten hat.

Die Menschen jener Zeit profitierten stark davon. Sie warteten gespannt auf die Nachrichten und gaben das Gehörte mit großem Eifer weiter. Auch wir haben auf unsere Weise von den sozialen Medien profitiert. Trotz aller Schattenseiten haben sie viele neue Formen der Reaktion, des Austauschs und der Teilhabe ermöglicht und uns Wege eröffnet, unsere Stimmen weiter und unmittelbarer hörbar zu machen.

Aber wenn wir über meine Kindheit sprechen, dann war sie eine Mischung aus allem, wobei die revolutionären Lieder allgegenwärtig waren, denn wir hörten sie jeden Abend mit meiner Großmutter über das Radio, jeden Morgen vor dem Schulweg und sogar vor dem Schlafengehen.


Für mich war die saharauische Identität schon immer ein Teil von dem, was wir sind. Sie wurde in unseren Familien weitergegeben, einerseits durch das, was wir direkt von unseren Eltern hören und lernen, und andererseits durch das, was wir um uns herum sehen.

Wir sind Kinder, die in diese Realität hineingeboren wurden. Uns ist sehr bewusst, was vor sich geht. Wir kennen die Geschichte unseres Landes sehr gut, seine Tragödien ebenso wie seine Segnungen. Wir wissen, was unser Volk in den besetzten Gebieten erleidet. Deshalb war uns unsere Identität nie fremd.

Was Bücher angeht, so waren diese in meiner Kindheit nicht so leicht erhältlich wie heute, obwohl ich sehr gerne gelesen habe. Ich habe alles gelesen, sogar die Schilder an den Geschäften.

Es gab Bücher über die Geschichte der Westsahara, die uns dabei halfen, unser Land und seine Vergangenheit besser zu verstehen. Ich bin überzeugt, dass Lesen von zentraler Bedeutung ist. Gerade in Zeiten, in denen es an verlässlichen Quellen und Referenzen mangelt, sind Bücher und das geschriebene Wort für uns unverzichtbar. Deshalb ermutige ich junge Menschen stets dazu, zu lesen, zu hinterfragen und sich Wissen anzueignen.

Am stärksten geprägt hat mich die Nationalhymne, die wir morgens vor dem Betreten der Klassenzimmer beim Hissen der Flaggen hörten – sei es Ya Bani Al-Sahra oder Lughat Al-Naar wa Al-Hadid. Diese kraftvollen Worte, voller Stolz und Würde, hatten eine tiefgreifende Wirkung auf mich.

Ich hörte zu und hatte das Gefühl, dass wir das, was wir sagten, auch lebten – besonders, wenn wir wiederholten: „Wir sind Soldaten des Volkes – Wir werden kämpfen, bis wir die Ketten sprengen.“

Diese Worte tragen die Verantwortung, die das saharauische Volk gegenüber seiner Causa trägt. Bis heute höre ich deshalb bei der Nationalhymne mit aufmerksamen Herzen zu. Diese schweren und kraftvollen Worte erfüllen mich mit Stolz und erinnern mich an meine Pflicht gegenüber meinem Volk und meiner Causa.

Die saharauischen Frauen wurden und werden als zentraler Bestandteil der nationalen Cause angesehen – von der Zeit des spanischen Kolonialismus über den Befreiungskrieg gegen die marokkanische Besatzung bis zur heutigen Zeit nach der Wiederaufnahme des Krieges im November 2020.

Ihr Widerstand war eng mit dem Streben nach Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit verbunden. Mit ihrem Widerstand und ihrer Stärke wurde sie zu einem Vorbild. Sie erbrachte angesichts der Unterdrückung und Verletzungen der Menschenrechte in besetzten Gebieten große Opfer.

Saharauische Frauen haben auf unterschiedlichen Ebenen einen wichtigen Beitrag zum Aufbau der Gesellschaft geleistet. Dazu zählen unter anderem der soziale, politische, kulturelle und administrative Bereich. Darüber hinaus spielten sie eine aktive Rolle bei Aufstände sowie beim Menschenrechtsaktivismus.

Auch im Ausland trugen sie dazu bei, das Bewusstsein für den saharauischen Konflikt zu schärfen und politischen Aktivismus zu organisieren. Selbst während der Angriffe und Massaker, wie im Fall von Um Dregah, unterrichteten saharauische Frauen Kinder in Zelten, spendeten Hoffnung und versorgten die Verwundeten mit unerschütterlicher Stärke.

Saharauische Frauen haben durch ihre enorme Arbeit und ihren unermüdlichen Einsatz eine herausragende Stellung erlangt. Diese ermöglicht es ihnen, politische Ämter und leitende Positionen zu besetzen, sich aktiv im saharauischen Parlament und in der Regierung einzubringen und in zentralen Bereichen wie Bildung, Gesundheit und Administration entscheidende Verantwortung zu tragen.

Auf kontinentaler wie auch auf internationaler Ebene traten saharauische Frauen als starke Stimmen ihres Volkes auf. Sie vertreten ihr Land in der Afrikanischen Union und im Afrikanischen Sozial- und Kulturforum sowie auf zahlreichen weiteren internationalen Bühnen. Dort machten sie die saharauische Causa mit Würde und Entschlossenheit sichtbar.

Nana Maruuf im Interview – auf Arabisch

Mohsen Abba im Interview – auf Deutsch

Mohsen Abba ist ein engagierter sahrauischer Journalist und Menschenrechtsaktivist aus dem saharauischen Flüchtlingslager Laayoun. Er hat einen Abschluss in Medien und Kommunikation von der Universität Tebessa und setzt sich aktiv für die Belange der Saharauis ein. Seit 2015 berichtet er als freier Journalist über die Situation in den Flüchtlingslagern und verfasst regelmäßig Medienbeiträge. Von 2017 bis 2019 arbeitete er als Projektassistent für Existenzgrundlagen beim Dänischen Flüchtlingsrat (DRC), wo er die Bereiche Coaching, Berichterstattung und Monitoring verantwortete.

In den letzten Jahren habe ich mich entschieden, aus den saharauischen Flüchtlingslagern im Südwesten Algeriens nach Europa auszuwandern, um dort nach mehr Möglichkeiten zu suchen. Das Leben in den Flüchtlingslagern bietet nicht viele Möglichkeiten, wie Arbeit, Studium oder wissenschaftliche Forschung. Diese persönliche Entscheidung hat zu meiner Stärkung in verschiedenen Bereichen beigetragen, insbesondere in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Zudem hat sie mir den Weg geebnet, mich in verschiedenen europäischen Foren und Plattformen für die Sache der Sahrauis und den Kampf des saharauischen Volkes einzusetzen.

Die Nachrichtenquellen, auf die ich mich in meinem Leben in den saharauischen Flüchtlingslagern stütze, sind vielfältig. Dazu zählen soziale und digitale Medien, Satellitenkanäle sowie Dokumentarfilme. Darüber hinaus verfolge ich nationale und lokale Radiosender im Radio und über verschiedene Social-Media-Seiten.

Soziale Medien verbreiten Nachrichten schnell, weshalb sie für viele Sahrauis in den Flüchtlingslagern eine wichtige Informationsquelle sind. Allerdings bleiben Glaubwürdigkeit und Objektivität ein ständiges Problem bei den verbreiteten Medieninhalten. Sind die Nachrichten korrekt und glaubwürdig, steigert dies das Bewusstsein der Nutzer – und umgekehrt. Sind die Nachrichten und Medieninhalte nicht korrekt, gefährdet dies das Wissen und das Bewusstsein der Empfänger.

Es ist allgemein bekannt, dass der Klimawandel ein natürliches Phänomen ist, das das Leben auf der ganzen Welt bedroht – insbesondere die künftigen Generationen. Dies zeigt sich beispielsweise im gefährlichen Anstieg der Temperaturen im Sommer und in der Wasserknappheit, die gleichermaßen eine Bedrohung für Menschen, Tiere und Pflanzen darstellen. Die Sensibilisierung der Gesellschaft sowie der Schutz der Umwelt und der Wasserressourcen sind grundlegende Säulen im Kampf gegen die globale Erwärmung.

Die Beteiligung der saharauischen Jugend an künftigen Referenden, wo auch immer sie sich befindet, kann durch die Förderung des politischen Bewusstseins und die Sensibilisierung für die Bedeutung der Fortführung des Erbes der Märtyrer erreicht werden. Diese opferten ihr Leben, damit künftige Generationen in einer Heimat leben können, die dem saharauischen Volk Würde und Sicherheit garantiert. Darüber hinaus muss die internationale Gemeinschaft die UN-Resolutionen zur Selbstbestimmung in der Westsahara respektieren und dem saharauischen Volk ermöglichen, sein Recht auszuüben, ohne Bedingungen oder Einschränkungen über sein Land zu entscheiden.

Mohsen Abba im Interview – auf Arabisch

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Für den Inhalt dieser Ausstellung ist allein ZEOK e.V. verantwortlich; die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global gGmbH und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie der Stiftung Nord-Süd-Brücken wieder.